Vielleicht kennst du dieses Gefühl: Du interessierst dich für vieles. Du beginnst mit Begeisterung ein neues Projekt, tauchst tief ein – und irgendwann zieht dich etwas anderes weiter. Nicht, weil du versagt hast. Sondern weil dein Geist neugierig bleibt. Eine Scanner-Persönlichkeit zeichnet sich durch genau diese Vielseitigkeit aus. Scanner denken vernetzt, lernen schnell, sind kreativ und spüren intuitiv, wenn ein Thema für sie abgeschlossen ist. Sie sind nicht sprunghaft. Sie sind beweglich.
Der Begriff „Scanner“ wurde unter anderem durch Barbara Sher geprägt. In ihrem Buch „Du musst dich nicht entscheiden, wenn du tausend Träume hast“ beschreibt sie Menschen, die nicht für ein einziges Lebensziel gemacht sind, sondern für viele. Für parallele Interessen, für Phasen, für Entwicklung. Für ein Leben in Kapiteln.
Viele Scanner sind gleichzeitig hochsensibel. Das bedeutet: Sie nehmen nicht nur viele Interessen wahr, sondern auch viele Reize. Das Nervensystem arbeitet intensiv. Monotonie erschöpft schneller. Und gesellschaftlicher Druck, sich festlegen zu müssen, fühlt sich besonders eng an.
Typische Merkmale einer Scanner-Persönlichkeit können sein:
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eine unstillbare Neugier seit der Kindheit
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viele begonnene Hobbys oder Ausbildungen
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Begeisterungsphasen, gefolgt von Neuorientierung
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Schwierigkeiten mit starren Karrieremodellen
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das Gefühl, „zu viel“ zu sein
Konkrete Hilfestellungen für Scanner
Was mir besonders geholfen hat, sind ganz praktische Strukturen. Nicht, um mich einzuschränken – sondern um meine Vielseitigkeit zu halten.
Ein Wandkalender kann helfen, Projekte sichtbar zu machen. Scanner brauchen Übersicht. Wenn Ideen nur im Kopf bleiben, entsteht Druck. Wenn sie sichtbar werden, entsteht Ordnung.
Eine Bucket-Liste des Lebens nimmt den inneren Stress, alles sofort umsetzen zu müssen. Nicht jeder Traum ist für dieses Jahr. Manche sind für später. Und das ist in Ordnung.
Projektboxen im Regal sind eine wunderbare Möglichkeit, Interessen nicht „aufzugeben“, sondern ruhen zu lassen. Ein Thema ist nicht beendet – es ist geparkt.
Beruflich hilft vielen Scannern ein Modell mit mehreren Einkommensquellen. Nicht ein einziger Job, der alles erfüllen muss. Sondern verschiedene Tätigkeiten, die unterschiedliche Seiten nähren. Ortsunabhängiges Arbeiten oder Selbstständigkeit können dabei mehr Flexibilität ermöglichen – wenn das Nervensystem es zulässt.
Scanner brauchen keine Disziplin im klassischen Sinne. Sie brauchen eine Struktur, die Bewegung erlaubt.
Warum ich lange dachte, ich sei einfach sprunghaft
Meine Vielseitigkeit hat mich zum ersten Mal bei den ersten Schritten ins Berufsleben wirklich in Schwierigkeiten gebracht. Schon bei Nebenjobs und Praktika habe ich gespürt, wie sehr mich 40 Stunden erschöpfen. Nicht nur die Stundenzahl an sich, sondern die Hierarchien, schwierige Kollegen, unausgesprochene Ungerechtigkeiten. Später, in meinen ersten festen Anstellungen, war es dasselbe. Als Anfängerin musste man sich unterordnen, mehr leisten, sich beweisen. Ich konnte diesen Zustand nie länger als ein Jahr aushalten. Also habe ich gewechselt. Jobs, Modelle, Teilzeit, auf Rechnungsbasis. Immer in der Hoffnung, irgendwo endlich anzukommen.
Meine Eltern haben ihr Leben lang denselben Beruf ausgeübt. Bei jedem Wechsel hatte ich das Gefühl, sie zu enttäuschen. Ihnen Sorgen zu bereiten. Solange ich nichts von meiner Persönlichkeit wusste, dachte ich, ich sei sprunghaft. Unbeständig. Vielleicht sogar undankbar. Der schmerzhafteste Gedanke war nicht einmal, dass ich häufig wechselte. Es war das Gefühl, anders zu sein. Nicht dazuzugehören. Meine Freundinnen konnten ihre 40-Stunden-Jobs scheinbar mühelos durchziehen. Ich war diejenige, die immer wieder neu anfing. Und in meinem damaligen Umfeld kannte ich niemanden, der so lebte wie ich. Auf Menschen, die „nirgendwo ankommen“, wurde eher herabgesehen. Also habe ich mich selbst herabgesetzt.
Erst mit meiner ersten Selbstständigkeit mit 30 Jahren konnte ich zum ersten Mal wirklich atmen. Zum ersten Mal spürte ich, dass ich mir einen Rahmen bauen darf, der zu mir passt. Mehrere Einkommensquellen. Eigenes Tempo. Eigenverantwortung. Nicht ein einziger Job, der alles erfüllen muss, sondern ein Modell, das Bewegung erlaubt.
Wenn ich heute einer 25-jährigen hochsensiblen Scannerin gegenübersitzen würde, würde ich ihr sagen: Es gibt nicht den einen richtigen Weg. Es gibt nicht nur das geradlinige Modell. Es gibt viele Lebensentwürfe, und keiner ist besser oder schlechter. Wenn dein Umfeld sich zu eng anfühlt, dann heißt das nicht, dass du falsch bist. Vielleicht brauchst du nur andere Menschen um dich. Menschen, die ungewöhnliche Wege gehen. Menschen, die mehrere Interessen leben. So wie bei der Hochsensibilität findet man oft erst dann Frieden, wenn man merkt, dass man nicht allein ist.
