Eine Stimmung im Raum aufzunehmen kann kräftezehrend sein. Ich habe das besonders in der Arbeitswelt gespürt, oft so intensiv, dass es mich an mir selbst zweifeln ließ. Hochsensible Menschen betreten einen Raum und spüren sofort, was dort zwischen den Zeilen passiert. Ob jemand schlecht geschlafen hat, ob unausgesprochene Konflikte im Team stehen, ob sich jemand unwohl fühlt oder ob eine Spannung unter der Oberfläche brodelt. Es ist kein bewusstes Analysieren, sondern ein unmittelbares Wahrnehmen. Die Atmosphäre liegt förmlich in der Luft und setzt sich im eigenen Körper fest.
Ich habe lange gedacht, ich bilde mir das ein oder übertreibe. Doch es war nicht Einbildung, sondern ein sensibles Nervensystem, das mehr Informationen verarbeitet als andere vielleicht wahrnehmen. Wenn zwischen Vorgesetzten und Kollegen Spannungen entstanden, wenn Hierarchien spürbar wurden oder unterschwellige Konflikte im Raum standen, begann mein Kopf zu arbeiten. Ich habe versucht zu verstehen, zu vermitteln, innerlich zu glätten. Ich habe mich gefragt, ob ich etwas falsch gemacht habe oder wie ich zur Harmonie beitragen könnte. Und während ich versuchte, meine eigentliche Arbeit zu erledigen, lief parallel dieses feine Radar, das jede Veränderung registrierte.
Unbewusst leidet man mit. Nicht dramatisch, nicht laut, sondern leise und konstant. Negative Stimmung fühlt sich nicht wie ein Hintergrundrauschen an, sondern wie eine zusätzliche Aufgabe, die das eigene System bewältigen muss. Am Ende eines Arbeitstages war ich oft nicht nur müde von meinen Aufgaben, sondern erschöpft von dem, was zwischen den Menschen passiert war. Konzentrieren bei zwischenmenschlichem Stress war für mich kaum möglich, weil mein Inneres damit beschäftigt war, die Atmosphäre zu regulieren. Und ich habe mich gefragt, warum andere scheinbar unberührt weiterarbeiten konnten, während ich innerlich schon längst an meine Grenze gekommen war.
Heute weiß ich, dass mein Harmoniebedürfnis keine Schwäche ist, sondern Ausdruck meiner Sensibilität. Doch es bedeutet auch, dass ich Strukturen brauche, die mein Nervensystem schützen. Räume, in denen nicht dauerhaft unausgesprochene Konflikte herrschen. Arbeitsmodelle, in denen ich nicht ständig zwischen Hierarchien navigieren muss. Und vor allem die Erlaubnis, anzuerkennen, dass mich die Launen anderer tatsächlich etwas angehen, weil ich sie spüre. Nicht um mich in ihnen zu verlieren, sondern um zu lernen, wie ich bei mir bleiben kann, auch wenn die Stimmung im Raum schwankt.
